Das Kleid von Adele B.-B. Teil 1

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Nachdem ich noch etwas den Sommer genossen habe, bin ich nun mit einem Langzeitprojekt angefangen. Meinetwegen kann es auch bis Weihnachten oder noch länger dauern. Man kann noch nicht allzu viel sehen, aber ich zeige schon mal ein bisschen was. Es handelt sich um eine Umsetzung des Gemäldes der „Frau in Gold“ von Gustav Klimt. Das 1907 gemalte Bild zeigt Adele Bloch-Bauer, die Frau eines Großindustriellen. Sie führte einen Salon, in dem sich die Intektuellen damals gern zu Diskussionen trafen, im gesellschaftlichen Stellenwert ähnlich einer Talk-Show heute. Das Gemälde hängt in New York.

Abbildung aus dem Buch „Klimt, Leben und Werk“ von Susanna Partsch

Wenn man das Schaffen von Gustav Klimt verstehen will, muss man wissen, dass er als Dekorationsmaler anfing. Er hatte zusammen mit seinem Bruder Ernst und Franz Matsch viel Erfolg. Gefragt waren figürliche Darstellungen, Allegorien als Ausstattung für öffentliche Räume in Wien wie Burgtheater und Universität z.B.. Neben der Abbildung von Persönlichkeiten ging es darum, Geschichten zu erzählen, die das gebildete Bürgertum kennt. Die Bilder von Klimt sind Mischung realistischer, dreidimensionaler Darstellung und abstrakter, zweidimensionaler Darstellung. Er hat sich die Freiheit genommen, die Bildwirkung durch auswählen, reduzieren und verändern des Sujets zu steigern, wie es eigentlich jeder Maler macht, mehr oder weniger kühn. Noch kann man in diesem Bild nicht so sehr von Abstraktion sprechen, eher von einem dekorativen Charakter, aber der Weg geht dort hin. Die Kunsthistoriker meinen, wäre er nicht bereits im Alter von Mitte fünfzig gestorben, hätte ihn seine künstlerische Entwicklung zum Expressionismus geführt.

Das ikonenhaft wirkende Porträt der Adele Bloch-Bauer besteht aus organischen Formen als auch viel geometrischer Ornamentik. Die Räumlichkeit ist mehr und mehr zurückgenommen zugunsten einer flächigen, zweidimensionalen Darstellung, bzw beides ist kombiniert. Dies lässt sie wie entrückt wirken.

Klimt malte eine Vision, ein Ideal. Über das Frauenbild der damaligen Zeit will ich gar nicht sprechen. Vielleicht ist es manchen nicht emanzipiert genug, andererseits ist uns heute doch auch ein gutes Stück Sinnlichkeit abhanden gekommen. Mich interessiert das Kleid, das es so wohl nie gegeben hat. Wie könnte es aussehen, wollte man es real in Stoff umsetzen? Dieser Herausforderung stelle ich mich gerade. Ich will jetzt also so tun, als sei das, was im Bild bewusst abstrakt dargestellt ist, eine originalgetreue Abbildung. Dabei muss ich schauen, was nähtechnisch möglich ist.

Es hat ansatzweise Ähnlichkeit mit der damaligen Mode, Anfang 1900. Das Dreiecksmuster über der Brust dürfte eine Abstrahierung von Rüschen sein, wie sie an den in der Zeit üblichen weißen Blusen zu finden waren. Hier wird es aber zu einem Stoffdessin. Das eng am Hals anliegende Collier ist eine Erinnerung an den Stehkragen der Blusen. Zur Anschauung, welche Art Blusen ich meine, ein Bild von Duchesse Milianda, die mit Begeisterung die alte Mode auf Instagramm zeigt.

Genauso finden sich Anklänge an Biedermeier-Abendkleider (ca 1860), denn das Decolleté und die Schultern sind frei. Diese Ähnlichkeit hat mich bewogen, den Schnitt, den ich für das Sissi-Kleid (Film- und Serien- Sew along 2017) hergestellt hatte, wiederzuverwenden. Ich habe nur die Teilungsnaht als Wiener Naht geändert, denn vorn spitz zulaufen muss es nicht.

Hier ist zusehen, was ich an Stoffen zusammengetragen habe. Rosa und gold ist doch eine liebliche Farbkombination. Ich würde gern Nicki verwenden, denn den finde ich so malerisch, auch wenn er nur auf kleinen Flächen zum Einsatz kommt. Aber auch anthrazit und weiß sollen vorkommen. Das hellblau darf nur zurückhaltend eingesetzt werden, denke ich mal. Ich verwende strukturierte Seide, und genügend Organza habe ich auch bereitliegen. Den Crepe Chiffon, den ich für die weiße Schluppenbluse verwendet hatte, habe ich auch in rosa. Vielleicht kommen auf die ganze Fläche auch noch Perlen aufgestickt, als Glitzerpunkte.

Mit dem Oberteil bin ich also angefangen. Zwei Reihen Dreiecke sind auf den Baumwollprobeschnitt drapiert. Nicki und Seide sind mit Gewebeeinlage stabilisiert. Da die Reihen im Bogen angeordnet sind, mussten manche Dreiecke verkleinert werden, andere durch breitere ersetzt werden. Unter dem Arm habe ich schließlich ein neues zusammenhängendes Teil zugeschnitten, da die Dreiecke nicht genug Nahtzugabe aufwiesen. Auf der Schulter am Armansatz musste ein Teil erfunden werden. Als ich das hatte, habe ich beschlossen, das Probemodell wird das richtige und habe die Teile einfach „aufgenagelt“.

Für den Bereich weiter unten dachte ich über Stoffmanipulation nach, um eine interessant strukturierte Oberfläche zu schaffen. Faltung, Raffung, Patchwork, Applikation, Reverse Applikation? Das lange Kleid hat eine unregelmäßige Musterung mit Motiven wie Pyramiden, Fischen, Augen und auch wohl Wasser – Anklänge an die Begeisterung für Ägyptisches seinerzeit. Da die Vielgestaltigkeit schwer nachzubilden ist und es optisch auch nicht zu sehr auseinanderfallen soll, greife ich nur einzelne Motive heraus. Ich habe mal ein bisschen gemalt…

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Die Decolletékante könnte eine Borte sein, sie könnte aber auch mit Perlen gearbeitet sein. Wie stelle ich die goldenen Akzente am Ausschnitt dar? Es könnten Schlaufen sein, die Gerafftes zusammenhalten, so wie bei einer Berthe.

Ich entschied mich jedoch für große quadratische Nieten, dazwischen Perlen, ein Collier im Grunde, das gleich im Kleid mit eingearbeitet ist.Der Untergrund besteht aus Kunstleder, beidseitig eingefasst mit schwarzer Paspel. Die Nieten hatte ich bestellt und sie mir eigentlich goldener vorgestellt. Aber ich nehme sie jetzt, für ein modernes Design, das hoffentlich nicht zu grob aussieht. Zuerst dachte ich auch an Lederpaspel, aber das wurde zu steif, daher Baumwolle. Die Perlen in der Menge wie mir vorschwebt haben etwas Gewicht letztendlich, so braucht es einen festen Untergrund, der sich nicht verzieht.

Ich fand eine sehr schöne Musterborte mit Pailletten, die als Träger fungierend überkreuz über den Rücken geführt ist. Das sehr weit ausgeschnittene Kleid hält sich aber auch so schon sehr gut, da es eng anliegt und die Ausschnittkante formstabil ist.

Die Ärmel wirken, als seien sie aus durchsichtigem bestickten Stoff, mit Perlen verziert. Daran schließt sich ein Schleier an. Nach ein paar Versuchen nur auf Organza habe ich gelben Baumwollstoff verwendet, der mit grüner Organza belegt ist, um eine Stickerei mit der Nähmaschine zu realisieren. Freihand mit wenig Fußdruck und vielem Wenden konnte ich Schnörkel in einigermaßen annehmbarer Weise herstellen. Bei langsamer Fahrt und Dreifachstich konnten wir (meine Nähmaschine und ich) uns aufeinander einstellen… Eine Einspannmöglichkeit wäre natürlich besser gewesen. Aber ich will gar nicht viel reden, am Ende zählt nur der visuelle Eindruck, nicht die genaue Musterzeichnung. Darüber gelagert kam dann die orangegoldene Organza, so dass es zwischen grün und gold changiert, darauf erst die anthrazit-hämatitfarbenen Glasperlen. Die Puffärmel sehen so ein bißchen aus wie aus Seide, sind sie aber gar nicht. Wichtig für die Form ist nun, dass der gekräuselte Ärmel auf einen kleineren ungekräuselten Unterärmel aufgenäht ist. Eigentlich meint das Bild nicht unbedingt Puffärmel, daher habe sie ein bisschen länger gezogen. Man muss später alle Teile aufeinander abstimmen, ich bringe sie vorerst noch nicht an.

Also lasst euch überraschen, wie es weitergeht, soviel nur als Zwischenmeldung! Was sind eure Vorschläge zur Interpretation?

Culotte in schwarz

Neue Hose? -Ja schon, aber nur zum Teil, denn den Schnitt nutze ich nun schon zum vierten Mal in diesem Jahr. Die Konstruktion nach Müller&Sohn ist zuerst bei der Shorts in beige zur Anwendung gekommen, bei der grüngrauen (Marlene-)Bundfaltenhose in langer Ursprungsvariante und dann mit enger zulaufendem Bein bei einer dunkelblauen Hose. Der Bundbereich mit den Falten ist immer gleich, nur Länge und Breite der Hosenbeine sind unterschiedlich. Nun sollte es noch etwas weiter und wadenlang für eine Culotte sein. Für einen Hosenrock müsste eindeutig ausgestellt sein, denke ich mal. Oder hängt es von der Länge ab, was was ist? Lasst uns doch gern mal über die Definition von Culotte reden! Da sieht man mal, wie vielseitig man einen Schnitt einsetzen kann. Mit wenig Veränderung und aus verschiedenen Stoffen sind ganz unterschiedliche Stile zu erreichen.

Statt der schrägen Einschubtaschen sind diesmal Paspeltaschen gearbeitet. Den Werdegang  seht ihr in der Bildergalerie. (Man kann auch Knopflöcher auf diese Weise arbeiten, was ich hier mal gezeigt hatte, mit Beschreibung.)

Der Stoff, ein etwas dickerer Viskosetwill, war recht problemlos zu verarbeiten, wenn man beachtet, dass er etwas Stretch hat. Schwierige Stellen wie Reißverschluss, Taschen und Bund sind daher mit Gewebeeinlage versehen, schwarzer natürlich. Beim Bügeln mit feuchtem Tuch wird der Stoff dann auch nicht blank.

Ein gerader Bund ist bei dem taillenhohen Schnitt am besten geeignet. Ein Druckknopf genügte als Verschluss. Normalerweise schlage ich die Nahtzugaben am Bund ein und nähe ihn dann von Hand zu. Hier fand ich es zu dick, so dass ich von vorn im Nahtschatten befestigt habe. Bei schwarz fällt das auch kaum auf. Die Kante innen dann noch mit Schrägband einzufassen empfinde ich als überflüssigen Schnickschnack und mache es daher nicht.

Die Bluse ist bekannt. Mir gefiel der Kragen nicht so gut, worüber ich ja schon geschrieben hatte, so dass ich ihn jetzt geändert, bzw. ersetzt habe. Ich finde, es hätte mir auch gleich auffallen können, ein hart eckiger Kragen passt nicht zu der runden Schulter, von der Kompatibilität mit Jackenausschnitten mal ganz abgesehen. (Obwohl, bei der Schößchenbluse war er sehr schön…) Ja, und die Ärmel habe ich einmal umgekrempelt, so dass sie praktisch einen angesetzten Aufschlag haben.

Falls es im Zuge der Kommentierung keiner sagt, ich finde die Silhuette so ganz entzückend… Ich hatte auch Longsleeves anprobiert als Kombination, aber das war so langweilig! Mir fehlen dunkelbunte Blusen, die vielleicht auch noch möglich wären, habe ich festgestellt, überhaupt feine Blusen. Ich bin halt so ein bodenständiger Typ, so casual… Na denn, schönen Tag noch!

Und so sehe ich aus, wenn ich inkognito unterwegs bin…

(Jacke und Mundschutz sind auch selbstgenäht.)

Dieser Beitrag ist verlinkt mit dem MeMadeMittwoch!

Der Rock, der eine Hose sein wollte…

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Der Jeansrock ist von einem gut passenden Rock-Grundschnitt abgeleitet. Das Vorderteil hat als Clou diese besonders geformte Mittelnaht, die suggeriert, der Rock wäre aus dem Umarbeiten einer Hose entstanden. Ich habe jedoch von vornherein frischen Stoff so zugeschnitten. Das rechte Vorderteil hat genau die Form eines Hosenbeins, das linke Vorderteil muss dafür Aussparungen hinnehmen. Weiterlesen

Grünes Zackenshirt

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Was ist das nun wieder? Eine Art Hawaii-Hemd mit geometrischem Muster? Etwas Brasilianisches oder Afrikanisches? Oder stellt dieses dynamisch Aufstrebende das Wachstum dar, das mich in meinem Garten umgibt und auch sonst überall in der Natur jetzt so üppig ist? Kann ich damit als „Parents for future“ protestieren gehen, ohne ein weiteres Banner tragen zu müssen? – Ihr könnt es euch aussuchen, ich nähe nur, was ich sehe.

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Ein Hauch altes Ägypten

Wer hier ein bißchen mitliest weiß, die Kunst und deren Beschäftigung mit Fragen der Gestaltung sind für mich Anlass und Hilfe zu Designideen zu kommen. Über die Maler und speziell Klimt bin ich an gold geraten. Was für andere das neutrale schwarz ist, das zu allem passt, nehme ich als Ausgangsfarbe halt mal gold… Ich hatte so dies und das an Stoffen gekauft, was in die Richtung gehen könnte, auch diesen mit Reihen wie von Hand gemalter kleiner Striche. Der Druck sieht sehr schön nach Feingold aus, gut geeignet um einer weißen Bluse schöne Details zu geben.

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