Klimt – Kleid

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Zuerst war da das dekorative Gemälde von Gustav Klimt, bei dem die Überlegung aufkam, wenn man sich Formen und Farben anschaute, etwas hinzudichtete und anderes wegnähme, ob sich nicht ein Kleid nach dem Schema machen ließe. Den Entwurf hatte ich schon zum Weihnachtskleid – Sew along „auf den Markt geworfen“ und manche hätten die Realisation sicher dann schon gern gesehen. Ich hatte mich jedoch für ein anderes Projekt entschieden, aber nun gibt es das Patchwork-Kleid doch noch!

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Ausgehend von der Zeichnung, „der Vision“, fing ich an, auf einem Grundschnittmuster aus Seidenpapier direkt die Unterteilungen einzuzeichnen, dabei ab und an mal am Körper anhaltend, um zu schauen, wo die Linien zu liegen kamen. Um dieses Schnittmuster dann gleich anzuwenden und in die einzelnen Teile zu zerschneiden, war es zu ungenau. Meinen Kleidergrundschnitt habe ich auch in ditaler Form und daher alles bestmöglich ausgemessen und übertragen. Vorder- und Rückseite sind ähnlich gestaltet und sollen sich an manchen Stellen auch aufeinander beziehen, da geht das Zeichnen am Computer einfach besser. Dort konnte ich auch die Farbverteilung proben und es mir dann wieder in voller Größe ausdrucken. Ich lasse das Schnittmuster so ausdrucken, dass die Blätter ohne Überlapp aneinander stoßen und habe dadurch keinen Verschnitt. An den Rändern muss ich dabei kurze Linienstücke ergänzen, aber ich weiß ja, was mich erwartet. Für die Schnittmusterteile konnte ich gut mal meine Seidenpapierreststückesammlung aufbrauchen. Habt ihr auch eine Seidenpapierreststückesammlung (tolles Wort)?

Schnittmuster

Jedenfalls nähte ich, wie beim Patchwork, erstmal Streifen, die dann zur Fläche zusammengesetzt wurden. Kontrolle war absolut notwendig und auf dem großen Bogen schnell gemacht. Sinnvoll war er auch für die Platzierung der kurzen breiten Bortenstücke, die aufgesetzt sind, weil sie ja keine Nahtzugaben haben.

Bahnen

Zur Schnittgestaltung in technischer Hinsicht: Wenn man sich senkrechte Bahnen einteilt, z.B. vorn über Brustpunkt und Taillenabnäher, so ergibt es sich, dass bei Quereinteilungen Flächen entstehen, die in Taillennähe schmaler zulaufen. Die Einziehung der Figur wollte ich aber nicht überbetonen, sondern ein Kleid haben, das aus wirklich rechtwinkligen Flächen besteht. Dazu musste ich die Abnäher so ändern, dass sie nicht mehr gleichschenklig waren, sondern aus einem gerade auf der Taillenlinie stehenden und einem zur Seitennaht schrägen Schenkel. Zwangsläufig werden sie ungleich lang, was zu Schwierigkeiten führt. Die Seitenbahnen sind länger als die mittleren Bahnen, wenn es sich auch nur um wenige Millimeter handelt. Also habe ich noch kleine Justierungen in der Länge vorgenommen. Sämtliche Abnäherinhalte gehen also von den Seitenteilen ab, zur Mitte hin und an der Seitennaht, um die Mittelstreifen des Kleides unberührt zu lassen.

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Bei dem großen eckigen Ausschnitt war ein stabilisierender Besatz notwendig, auch um das Herunterrutschen der Schulter zu vermeiden. Die Kante des Ausschnitts besteht aus Schrägband, das in der Mitte nicht gefaltet wurde. Die Gehrungsecken waren schwierig zu nähen. Damit die Nahtzugaben vernünftig liegen, wenn ich das Band von rechts auf den Besatz nähe, habe ich sie mit ein paar Handstichen fixiert.

Während beim Oberstoff der Brustabnäher an seiner ursprünglichen Stelle des Grundschnitts geblieben ist, habe ich ihn im Futter zur Seitennaht rotiert. Auf Schulterblattabnäher kann wohl wegen der Nähe zum Ausschnitt verzichtet werden, fand ich. Taillenabnäher wie üblich.

Besatz

Ein schlichter Kleidergrundschnitt hat nicht genügend Beinfreiheit, da muss man sich  etwas überlegen. Anfangs wollte ich hinten einen Schlitz einbauen. Dabei zieht sich der Stoff ja zu den Seiten weg, was hier nicht gut aussah. Das vertikale Design wurde besser durch mehr seitlich liegende Erweiterungen unterstützt. Zwei Falten neben den Mittelbahnen gefielen, besser noch als Schlitze, denn dann brauchte ich mir auch keine Sorgen um die Sichtbarkeit von Futter machen. Das Venezia-Futter hängt jetzt lose und hat eine mittige Falte, weil ich das schon so geschnitten hatte. Den Saum habe ich ohne großen Aufwand nur gesteppt.

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Auch die Ärmel sind gefüttert. Die Nahtzugaben des Besatzes habe ich festgenäht, weil sie sich nicht genügend ausbügeln ließen und im Ärmel störten. Die Ärmelkante des Futters ist von Hand hohl angenäht, nachdem ich Schulter und Achsel punktweise am Oberstoff fixiert hatte.

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Außer um den Ausschnitt herum habe ich keinerlei Verstärkungen angebracht, auch nicht in der hinteren Mitte um den Reißverschluss einzufassen, was man vielleicht hätte tun können. Die Dupionseide ist relativ dünn und „lappig“ und ich wollte nicht, dass man Unterschiede in der Festigkeit sieht. Die Nähte halten etwas die Form, die breite Borte am meisten. Wenn die Flächen größer werden, wird es schon problematisch und es tauchen schneller Zugfalten auf. Die Leichtigkeit eines Sommerkleides wollte ich aber auf jeden Fall behalten. Man kann ja nicht ein komplettes Kleid verstärken, dann hätte man besser einen anderen Stoff gewählt.

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Die Applikationen sind da, weil es auf dem Gemälde einige umrandete Flächen gibt, die wie Rahmen aussehen. Es ergibt schöne Hell-Dunkel-Kontraste. Zuerst hatte ich auch auf den seitlichen Bahnen welche, aber ich fand, sie lenken den Blick zu stark in die Breite ab. Technisch sind sie durch eine entsprechend große Verstärkung (Gewebeeinlage) definiert. Die Nahtzugaben der Seide sind dann eingeschlagen, mit dopppelseitig klebender Vlieseline bebügelt und das Ganze dann auf dem Stoff fixiert. So hält es aber auf Dauer noch nicht ausreichend und deshalb sind die Teile mit möglichst unsichtbaren Handstichen knapp am Rand angenäht.

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Vielleicht fällt es jemandem auf, ich habe zwischendurch noch die Anordnung der Borten in der Taille geändert. Bei aller Liebe zum Assymmetrischen, die unterschiedliche Höhe links und rechts wirkte unharmonisch und eher verformend.

Blumen

Ergänzend zum Kleid gibt es eine Stola. Der Netzstoff mit Pailletten ist rund zugeschnitten und mit einer Klöppelborte eingefasst. Zusätzlich habe ich Stoffblumen in Pastelltönen angebracht, denn ich wollte schon immer mal wie in der Haute Couture agieren. Diese vermitteln wie im Bild eine positive Leichtigkeit, wie ich finde.

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Die beiden unterschiedlichen Gestaltungsprinzipien von eckig, gerichtet des Kleides und rund, richtungslos der Stola verstärken sich im Kontrast. Genauso wie es wohl als männliches und weibliches Prinzip auf dem Gemälde gemeint ist. Zusammen ergeben sie ein Ganzes, denn „Der Kuss“ stellt die erfüllte Liebe dar. Das Bild begeistert durch seine Pracht und Vielgestaltigkeit. Mein Kleid ist ein Versuch zur plastischen Umsetzung.

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Dieser Beitrag ist verlinkt mit „The creative lovers“ von muckelie.