Das Kleid von Adele B.-B. Teil 4

Nun ist es also fertig, meine Interpretation des Kleides der „Frau in Gold“, vom Gemälde von Gustav Klimt.

Wer noch wissen will, wie es technisch weiterging: Die kleinen Dreiecke am Ausschnitt waren ja auf ein Probekleid aus Baumwolle aufgenäht. Ich habe mich entschieden, es auch weiterhin gedoppelt zu lassen, aber frei hängend wie ein Futter. Vielleicht ändere ich das aber noch in etwas glatteres. Am Reißverschluss habe ich beide Lagen als eine behandelt. Ich bilde mir ein, die Doppelung schont die doch recht faserige Seide. Der gebogene Saum ist nur knapp umgeschlagen und gesteppt. Vorn und hinten ist er gleich lang. Wegen des Musters kann man sich da den Rockabrunder sparen.

Nur der mittlere Teil des Kleides mit dem hellblauen Hintergrund ist verstärkt. Ich möchte, dass der Rock schön absteht, aber nicht steif wirkt. Per Durchleuchten am Fenster konnte ich die Positionen für die vorgefertigten Dreiecke von der Vorlage übertragen. Dafür nutzte ich Schneiderkreide und Lineal. Außer der Platzierung sehe ich auch die erforderliche Größe der Dreiecke.

Ich habe zwar alles am Computer geplant, bin dann aber doch in der Praxis in einigen Dingen abgewichen, z. B. habe ich eine Etage Musterelemente aus der Mitte des Kleides herausgenommen. Die insgesamte Länge reichte trotzdem noch. Die direkte Stapelung des Musters ohne Versatz wirkte langweilig, zu langgezogen. Für meinen ursprünglichen Entwurf hatte ich alle Musterelemente in gleicher Größe hergestellt, so dass nun zum Einpassen noch etwas Schnippelei nötig war. Ich habe das Kleid so lange wie möglich in drei Teilstücken belassen, um es besser bearbeiten zu können, denn die Absteppungen erfordern häufiges Wenden unter der Maschine.

Die Ränder der Musterelemente sind zum Zusammenfassen der Stofflagen mit Zickzack-Stich bearbeitet, zum Applizieren dann noch einmal. Ich wollte keinen zu dichten Stich anwenden, damit der Stoff flexibler bleibt und designmäßig passt es dazu. Auf die plastischen Strukturen aus Stoffdrapierung und die Verwendung von funktionslosen Knöpfen wurde in Teil 2 und 3 näher eingegangen. Entsprechend der Vielgestaltigkeit im Klimt-Bild findet man bei genauem Hinschauen auch hier unterschiedliche Detaillösungen. Interessant finde ich an dem Kleid den Warm-Kalt-Kontrast der verwendeten Farben, genauso wie die unterschiedlichen Oberflächen von glatt-glänzend und matt-flauschig.

Die großen Dreiecke konnten zum Aufnähen mit Stecknadeln fixiert werden, bei den kleinen aus Nickistoff brauchte es beidseitig klebendes Vlies (und Gewebeeinlage), weil sich die Ecken sonst sehr leicht einrollen. Aus den kleinen pfeilförmigen Dreiecken im Klimt-Bild sind bei mir symmetrische geworden. Diese Fischformen konnte ich anders nicht harmonisch integrieren, bzw. hätte sie noch viel kleiner machen müssen.

Mancher meint vielleicht, die Augenformen in den Pyramiden würden ihn beobachten, wären vielleicht irgendwie bedrohlich. Aber dem ist nicht so, jedenfalls nicht für den arglosen, besonnenen Menschen. Wie im Beitrag „Ein Hauch altes Ägypten“ schon beschrieben handelt es sich hier um ein Horusauge, einem beschützenden Wächter über die Welt.

Der Ärmelschleier ist zum Abknöpfen. Dann kann man das Kleid auch mit dem lila-schwarzen Tuch tragen. Das eigentlich vorgesehene goldene Organzatuch, das im Hintergrund der Bilder hängt, erwies sich als zu füllig und wird eher zu einer schlicht schwarzen Garderobe passen. Bei Tuch und Ärmeln habe ich die Organza zum Einfassen der Ränder etwa einen Zentimeter umgeschlagen und dann direkt an der Kante mit Zickzack-Stich bearbeitet, Oberfaden in Goldmetallic. Den überstehenden Zentimeter habe ich dann vorsichtig abgeschnitten. Die Ornamente sind mit einer Tubenfarbe aufgetragen, vermutlich auf Acrylbasis. Zum Einspannen des Netzes habe ich eine Vorrichtung zum Seidenmalen benutzt, bestehend aus zusammensteckbaren Leisten, an denen Gummibänder mit Krallen befestigt sind. Das habe ich mir ausgedacht, weil es relativ schnell geht und ich Tambourierstickerei ja noch nicht kann…

Das Halsband ist nur erst ein Provisorium, ein mit Druckknöpfen zu schließendes Stoffband. Da plane ich noch was mit Perlen.

So, es darf Weihnachten werden! Dieser Beitrag ist mit dem MeMadeMittwoch verlinkt. Ich bin gespannt, was andere Hobbynäherinnen für sich gemacht haben!

27 Gedanken zu “Das Kleid von Adele B.-B. Teil 4

  1. Ka 20. Dezember 2020 / 13:26

    Wow! Ein echtes Kunstwerk!
    Liebe Grüße
    Karin😃

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  2. Silke Reza 20. Dezember 2020 / 14:12

    Dem Gemälde entsprungen und als Burgfreulein wieder aufgetaucht. Ich bewundere deinen Sinn für Farbe und Formen, das Kleid ist alsolut indviduell und ganz du. Viel Freude damit.
    Liebe Grüße
    Silke

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  3. Sabine Möhle 20. Dezember 2020 / 16:08

    Ganz toll, ein Meisterinnenwerk! Ich bin sehr begeistert.
    Schöne Feiertage!
    Herzliche Grüße
    Sabine

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      • Siebensachen 21. Dezember 2020 / 14:07

        Apropos Film: Kennst du den Film mit Helen Mirren in der Hauptrolle? Wie heißt der gleich … musste nachschauen: Die Frau in Gold. Empfehlenswert. Falls du ihn noch nicht gesehen hast: ziehe dein Kleid an und setze dich in die erste Reihe.
        LG
        Siebensachen

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        • formspielerins werke 21. Dezember 2020 / 14:21

          Auf Helen Mirren war ich schon gestoßen bei Insta, wusste aber nicht direkt worum es geht. Danke für den Tipp!

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  4. Kathrin 20. Dezember 2020 / 20:01

    Also, an dir ist entweder eine Theater- und Bühnenschneiderin verloren gegangen oder du bist in Wahrheit eine und verrätst es nur keinem…. das Kleid ist der Hammer, auch wenn ich vermute, dass die Tragehäufigkeit in keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand steht. Ich hoffe du hast eine Schneiderpuppe, die das Kleid dauerhaft präsentieren kann für alle Besucher deines Zuhauses.

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    • formspielerins werke 20. Dezember 2020 / 22:13

      😁 Ich müsste mal fragen, ob ich beim Theater mitmachen darf. Leider habe ich ja nur diese halbe Pappfigur, wo ich ab und zu was dran drapiere. Einen extra Kleiderständer hatte ich mir ja schon zugelegt… und sonst sitze ich eigentlich immer nur in der Werkstatt und mag mir nicht die Sachen vollfusseln. -Vielen Dank!

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  5. Elke 20. Dezember 2020 / 22:14

    Was für ein Kunstwerk. Da stecken ein paar Stunden Arbeit drin.
    Viele Grüße und schöne Weihnachten
    Elke

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  6. Sarah 21. Dezember 2020 / 13:07

    Ich sag ja, das gehört präsentiert, mit den anderen Malerei- inspirierten Kunstwerken… Irgendwann musst du eine Ausstellung machen, Eintritt kannst du nehmen! Bin wieder sehr beeindruckt… Alles Gute für dich! Sarah

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  7. Siebensachen 21. Dezember 2020 / 14:10

    Es ist kein Wunder, dass hier in jedem Kommentar das Wort Kunstwerk auftaucht – ich kann das auch nur unterstreichen. Ich wünsche dir viele besondere Gelegenheiten, um dieses Kleid zutragen und zu zeigen.
    Frohe Weihnachten!
    Siebensachen

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  8. Heike 21. Dezember 2020 / 19:17

    Ui, DAS ist ein wahres Meisterwerk. Ich wünsche dir viel Freude beim Tragen.

    LG, Heike

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  9. kuestensocke 21. Dezember 2020 / 20:14

    Wow, schon fertig! Was für eine Arbeit. Meinen Respekt! Den Film mit Hellen Mirren kann ich ebenfalls nur wärmstens empfehlen.

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    • formspielerins werke 21. Dezember 2020 / 21:19

      Vielen Dank! Inzwischen habe ich mir ein bisschen was vom Film erzählen lassen. Meinem Sohn wurde die Raubkunstgeschichte nämlich im Kunstunterricht vermittelt. Es ist ja auch noch gar nicht so lange her, dass die echte Nichte in der Presse zu sehen war.

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  10. Jeanette 22. Dezember 2020 / 23:18

    Meine vollste Bewunderung für deine Umsetzung. Hoffentlich findest du Gelegenheit das Kleid zu tragen. Ein schönes Weihnachtsfest. LG Jeanette

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  11. Muriel.Nahtzugabe5cm 28. Dezember 2020 / 12:32

    Hallo Regina,
    wow, ich bin hin und weg von deinem „Frau in Gold“ Kleid. Was für ein Meisterwerk.
    Vielen Dank für die vielen Infos zu der Verarbeitung.
    Lieber Gruß,
    Muriel

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  12. Sue 2. Januar 2021 / 2:10

    Dieses Kleid ist der Wahnsinn! Die Gedanken, Planung und Arbeit, die du da reingesteckt hast – Respekt! Es ist schade, dass solche Kunstwerke nicht so häufig ausgeführt werden können. Die Empfehlung eine Schneiderpuppe anzuschaffen um das Kleid ausstellen zu können, kann ich nur unterstützen.

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