Klimt – Lektion 1

Es ist durchaus noch nicht vorbei mit „Nähen nach Kunst“, auch wenn ich etwas schwächele und sich wie erwartet keine Mitstreiter gefunden haben. Begeisterung war wohl da, aber es gibt ja auch jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Besser hat jeder sein eigenes Projekt. („Jeder nur ein Kreuz!“ Man assoziiere die Filmszene aus „Das Leben des Brian“) Damit hat man schon genug zu tun.

Ich hatte die Gelegenheit ein paar Tage in Wien zu verbringen. Mein Mann hatte dort beruflich zu tun und wir sind als Familie gleich mitgekommen. Da ich schon seit langer Zeit einen Bildband über Leben und Werk von Gustav Klimt (1862-1918) besitze, habe ich mir den vorher nochmal genau zu Gemüte geführt. Damals bei Anschaffung habe ich, glaube ich, nicht viel darin gelesen. Man will ja informiert sein über die Werke, die man in Österreich im Original sehen kann.

Ein Muss ist dann natürlich das Sezessionsgebäude, wo der Beethovenfries ausgestellt ist. Die Sezession wurde 1897 von Künstlern gegründet, die gegenüber neuen Strömungen in der Kunstwelt offen waren und sich nicht in der Ausstellungspolitik der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens wiederfanden.

Der Beethovenfries bezieht sich auf die 9. Synphonie Ludwig van Beethovens (1770-1827), dessen Musik zur Jahrhundertwende sehr beliebt war. Hier der berühmte Ausschnitt auf Youtube, mit dem von Friedrich Schiller (1759-1805) gedichteten Text „Ode an die Freude“:

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.
Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!

Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen, die des Sehers Rohr nicht kennt.
Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.

Klimt bezog sich bildlich auf die Interpretation Richard Wagners (1813-1883), der das Musikstück erst zu dem gemacht hat, als das es in die Geschichte eingegangen ist. Die Fotos, die ich vor Ort machen konnte, sind leider nicht von allzu guter Qualität. Besser abgebildet und beschrieben ist der Fries, der drei Seiten eines Raumes umspannt, hier (Youtube in englischer Sprache). Ich versuche mal, auf deutsch zusammmenzufassen. Einzelne Wortlaute sind aus dem mir vorliegenden Buch („Klimt – Leben und Werk“ von Susanna Partsch).

Sez21

Über die ersten sieben Meter schweben dünne Frauenfiguren, die die Sehnsucht nach Glück symbolisieren. Es folgen drei ausgemergelte Gestalten, die die Leiden der schwachen Menschheit darstellen.

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Das Bitten gilt dem Helden in der goldenen Ritterrüstung, den Kampf um das Ringen nach Glück aufzunehmen. Mitleid und Ehrgeiz sind sein Antrieb. Diese Szene ist nur knapp drei Meter breit an der vierzehn Meter langen Wand, die abgesehen von den schwebenden Frauengestalten leer gelassen ist.

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Die Schmalwand dagegen ist komplett ausgemalt. Sie wird von einem affenartigen Monster, Typhoeus, eingenommen gegen den zu kämpfen selbst die Götter machtlos sind. Die drei Frauengestalten, Gorgonenschwestern, stellen die feindlichen Gewalten dar. Die Köpfe über ihnen sind Sinnbild für Krankheit, Wahnsinn und Tod. Rechts davon finden sich Wollust, Unkeuschheit und Unmäßigkeit.

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Ein Stück weiter steht der nagende Kummer als einzelne Person. Danach tauchen wieder die schwebenden Gestalten auf, denn die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen fliegen über die feindlichen Gewalten hinweg.

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Auf der nächsten Längswand enden sie an einer Figur mit einem Musikinstrument. -Die Sehnsucht findet Stillung in der Poesie. Das ist die Hauptaussage des Frieses. Die schwebenden Figuren kommen an einem goldenen Hintergrund zum Stillstand, was man an ihren nach oben weisenden Fingern erkennen kann.

Sez12

Im Original von vor hundert Jahren hatte die Wand nun einen Durchbruch. Man sollte auf das Beethoven-Denkmal von Max Klinger im Nebenraum schauen können.

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Die dann folgenden übereinandergestaffelten Frauenfiguren stellen die Künste dar. Die oberen drei greifen nach dem Chor der Paradiesengel. Die Künste führen uns in das ideale Reich hinüber, in dem allein wir reine Freude, reines Glück, reine Liebe finden können, so heißt es.

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Die auf einer Blumenwiese stehenden Paradiesengel muss man sich nun „Freude schöner Götterfunken“ singend vorstellen. Der Ritter hat nun seine Rüstung abgelegt und steht in Umarmung mit einer Frau vor einem Rosenbaum, die Erfüllung. Der Vers von Schiller sagt hier:

Seid umschlungen, Millionen
diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such ihn überm Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.

Dichterische Sprache ist mitunter schwer zu verstehen, aber so ist es eben mit Kulturgut. Aber was hat das Ganze nun mit mir und der Näherei zu tun? – Ich werde die Farben aufgreifen, die Ornamente eventuell. Stoff habe ich schon: Crepe mit Gold- und Silberfäden, goldenen Baumwollsatin, Nicki in anthrazit… Und noch einiges anderes für eine Kollektion, Dupionseide z. B.. Bleibt gespannt, ich arbeite dran, auch wenn es ein bißchen dauert!

Sez8

Viele Grüße! Regina

Ach übrigens, Moschino stellt eine Picasso-inspirierte Frühjahrscollection vor! Unbedingt anschauen!

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