Chanel-Kostüm Teil 1

Darf es bitte etwas aufwändiger sein? Ein bißchen Haute Couture? Als ich kürzlich in Berlin war, sah ich einen wunderschönen Stoff, der sich ausgezeichnet für ein Chanelkostüm eignete. So etwas wünsche ich mir schon lange und mit diesem Originalstoff*, den ich mir zum Geburtstag habe schenken lassen, will ich das Projekt wagen. Angefangen mit der Jacke zeige ich mal, wie ich vorgegangen bin.

Boucle7

Der Boucléstoff aus Wolle und Seide ist mit gekordelten Fäden und Bändern sowie Fäden mit Schlingen gewebt. Ich werde mit rotem Crêpe Satin aus Seide füttern und für Verstärkungen Seidenorganza und Formband nehmen. Während die rote Seide sehr weich fällt, ist die Organza recht fest und drahtig, was daran liegen soll, dass die Seide nicht vollständig vom Seidenleim befreit ist.

Egal um welche Art es sich handelt, man soll Seide möglichst nie waschen, weil sie dann an Glanz einbüßt. Wie es sich mit der Festigkeit der Organza verhält, weiß ich nicht genau. Also im Notfall lieber reinigen lassen. Den hauptsächlich aus Wolle bestehenden Oberstoff habe ich aber doch einmal von Hand durchgewaschen. Das Waschbecken war nahezu leer dabei, so sehr haben die 2,30 Meter Stoff das Wasser aufgesogen. Den schweren Stoff habe ich dann tropfnass auf den Wäscheständer ausgebreitet und nicht der direkten Sonne ausgesetzt.

So sieht das Probemodell der Jacke aus. Vorn ist der Brustabnäher durch ein Seitenteil verkürzt. Ich habe das Seitenteil später noch einen Zentimeter breiter gemacht als hier zu sehen ist, damit der Abnäher noch kürzer wird. Im Futter nähe ich den Abnäher. Den Oberstoff drapiere ich darüber und bügele die Mehrweite mit Dampf ein. (Die Seide mag sowas nicht ganz so gern.) Bei dem lose gewebten Stoff klappt das Einhalten aber recht gut. Das Rückenteil ist ebenfalls abgeteilt. Die Seitenteile sind zu einem zusammengefügt, denn ich möchte möglichst wenig Nähte haben, also keine Seitennaht. Passformtechnisch habe ich lieber eine Mittelnaht im Rücken gemacht, denn es soll ja figurnah werden und so kann ich dort noch etwas einziehen. Schulterblattabnäher habe ich durch Reduzieren an Schulter und Armloch weggenommen. Weil ich aber ein Schulterpolster haben will, erhöhte ich die Schulter dafür wieder etwas. Die Zweinahtärmel sind leicht verändert. In diesem Fall wollte ich nicht unbedingt diese gebogene, kompakte Ärmelform haben, wie rechts zu sehen ist, sondern eine geradere und schlankere. Ich habe mir Konfektionsware angeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass dort ein Einnahtärmel abgeteilt wurde und der Abnäher in der Naht liegt, viel einfacher gemacht ist also.

Vor dem Zuschnitt habe ich den Stoff mal an meine Papierbüste angehalten, die gerade den Jackengrundschnitt trägt. Die gefühlt meiste Zeit verbringe ich damit, zu überlegen, wie alles werden soll: Welche Art Verschluss, welche Borte, welche Farben dafür?

Die Schnittteile sind einlagig zugeschnitten. Der Stoff hat mal gerade so eben gereicht für Jacke und Rock. Ich habe versucht, die roten Streifen am Übergang von Ärmel und Vorderteil passgenau aneinanderliegend zu bekommen. Um genau gegengleiche Teile zu bekommen, hatte ich die schon ausgeschnittenen Teile umgedreht auf dem Stoff angeordnet. Hier hat sich schon der erste Fehler eingeschlichen, denn die Streifen sind doch leicht unterschiedlich gewebt: mal mit gedrehtem Garn, mal mit Schlingengarn, immer abwechselnd, was ich von der Rückseite aus nicht sehen konnte und mir auch nicht bewusst aufgefallen war, obwohl ich den Stoff schon ein ums andere Mal gewendet und bestaunt hatte. Einige Teile passten also nicht. Glücklicherweise hatte ich reichlich Nahtzugabe angeschnitten, etwa vier Zentimeter auf Empfehlung der Website „Formgeben„, und auch die Länge großzügig bemessen. So konnte ich den Fehler noch ausgleichen. Die Nahtlinie habe ich mit farblich kontrastierendem Wollfaden markiert. Genaues arbeiten ist eigentlich gar nicht möglich. Das Futter schnitt ich in der gleichen Größe zu. Durch das Quilten verkleinern sich die Schnittteile noch etwas, was man kontrollieren sollte.

Einige Stellen an Schulter und Armloch sowie am Saum sind mit der Seidenorganza verstärkt. Die habe ich anpikiert. Diese Stellen sind zusätzlich mit zuvor aufgebügeltem Formband gesichert. Beim Quilten liegt das Futter unten. Die Seide habe ich dafür an den Rändern festgesteckt und an einigen Stellen in der Mitte. Die Nadeln müssen von der Rückseite auf die Vorderseite übertragen werden. Zuerst wollte ich senkrecht absteppen und fand, ich müsste dem Muster nach Wellenlinien machen, um nicht zu sehr einzugreifen. Das sah von hinten allerdings nicht gut aus und auch vorn hatten sich die Streifen verzogen. Dann kam mir die Idee den waagerechten Streifen nachzugehen und mich von oben nach unten im Zickzack vorzuarbeiten. Das hat auch den großen Vorteil nur eine Nahtlinie mit nur zwei Fadenenden zu haben. Die müssen nämlich zwischen die Stofflagen gezogen und dort verknotet werden. Meine Quiltregel lautete: Immer unter dem Gekordeltem und über der Chenille. So ergeben sich die unterschiedlichen Abstände, was ich origineller fand als immer gleiche.

Als alle Teile soweit vorbereitet waren, habe ich sie mit Heftgarn zusammengefügt. (Heften tue ich sonst nie, sondern mache alles mit Nadeln. Ich glaube, das Heftgarn, das ich noch hatte, stammt noch aus der Schulzeit.) So kann ich sehen, ob alles gut aufeinandertrifft und sich nicht verzogen hat, denn der Stoff ist wirklich sehr weich. Nach dem Zusammennähen des Oberstoffs wird die Futterseide eingeschlagen und deren Nähte werden von Hand geschlossen. Mit dem Quilten muss man also eine Nahtzugabenbreite vor der Naht aufhören, damit die Nahtzugabe noch Platz hat. Im unfertigen Zustand sieht das Ganze schlimm aus.

Bei einem Ärmel faltete ich nur eine Seite des Futters an der Nahtlinie und legte sie über die glatte andere Seite. Es ist hohl mit einfachem Heftstich zusammengenäht; auf Matratzenstich hatte ich nicht soviel Lust und kriege ich auch nicht so gut hin.

chanel5

So arbeitet man sich langsam vor…

*unverlangte Werbung wegen Markennennung

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Chanel-Kostüm Teil 1

  1. Siebensachen 26. Mai 2019 / 11:00

    Ah, hier ist sie also, die angekündigte Chaneljacke. Erstmal: Der Stoff ist wunderschön – eine gute Wahl. Da ich zur Fraktion „Naturfasern“ gehöre, freue ich mich immer wieder, wenn ein Stoff keine oder nur ganz wenig Synthetik enthält. Du warst mutig und hast gleich mit der Jacke begonnen statt mit dem (vermeintlich) einfacheren Rock. Dein Schnitt hat relativ viele Teilungsnähte, was das Nähen ja nicht einfacher macht. Aber du bist ja eine erfahrene Näherin und man sieht, dass alles gut gelungen ist. Ich habe ja meine Nähanleitungen hauptsächlich aus Claire Schaeffers Buch gezogen – woran hast du dich gehalten? Der verlinkte Blog? Wirst du auch Paspelknopflöcher und einen Ärmelschlitz machen, wie die klassische Chaneljacke es vorsieht? (Davor habe ich mich nämlich gedrückt.)
    LG
    Siebensachen

    Liken

    • formspielerins werke 26. Mai 2019 / 11:47

      Hallo, ich freue mich, dass du gleich gesehen hast, was ich mache! Ich halte mich vorwiegend an die Verarbeitungsweise von dem verlinkten Blog, habe aber auch auf Instagram etwas recherchiert. Als Verschluss nehme ich einen goldenen Reißverschluss, der zuerst noch dunkelrot eingefasst wird. Den Ärmelschlitz möchte ich einsparen. Die Borte wird hell sein, statt schwarz, wie ich anderswo schon vorgedacht hatte. Wegen Taschen überlege ich noch. Mal schauen, wie es wird. Es bleibt spannend! Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.