Mondrian – Mantel

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Hier seht ihr das zweite Kleidungsstück, das im Rahmen meiner Challenge „Nähen nach Kunst“ entstanden ist. Die Inspirationsquelle war diesmal der Maler Piet Mondrian. Über die Künstlergruppe „De Stijl“, der auch Mondrian angehörte, hat Silvia von Petersilie&Co kürzlich einen informativen Post geschrieben. Wir kennen wahrscheinlich alle die von rechtwinkligen Flächen in Grundfarben beherrschten Bilder. Auch auf die Spitze gestellte quadratische Leinwände sind dabei, die ein bißchen mit meinem Entwurf korrespondieren. Es geht darum, allen Ballast von emotionalen Schnörkeln abzulegen zugunsten von klarer Geometrie. Mit Ordnung fühlt sich der Mensch wohler, so die Theorie. Wir sind heute rechte Winkel und schlichte Strukturen gewöhnt, damals war diese Auffassung ganz neu, welche dann auch Architektur und Design nachhaltig verändert beziehungsweise erst entstehen lassen hat. Damit Handwerk und gute Gestaltung zusammenkommt wurde in dieser Zeit genau vor hundert Jahren auch die Designschule Bauhaus in Weimar gegründet.

Mondrians Malstil kam nicht aus dem Nichts, sondern entwickelte sich erst allmählich vom Naturalistischen zum Abstrakten hin. Unter artsy.net ist sein künstlerischer Weg anhand verschiedener Bildbeispiele beschrieben. Zumindest das erste hier gezeigte Bild stellt laut Art institute of Chicago eigentlich eine Ableitung der Landschaft Hollands dar. Originale habe ich selbst mal im Kröller-Müller-Museum nahe Arnheim gesehen. Schöner Ausflug!

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Ich finde, der vordere Teil meines neuen Sommermantels sieht ein bißchen so aus wie ein aufgeklappter Kubus, siehe Zeichnung. Er soll aufspringen, das ist so gewollt. Ich habe einige Zeit an dem Schnitt getüftelt, bis er mir gefiel. Die Idee sollte zuerst als Top realisiert werden. Das wurde immer länger, um schließlich auch wieder gekürzt zu werden. Ein sich anfangs nur optisch zu überlappen scheinender oberer Teil wurde mit Funktion ausgestattet, als ich die meisten der tiefen Godets verwarf und vorn öffnete. Die normale lockere Weite basiert auf einen Blusengrundschnitt nach Müller&Sohn, mit Taillierung. Ich wollte nicht, dass es zu sehr nach Empire aussieht. Da die Jacke mit den Zugaben einer Bluse konstruiert ist und oberhalb der Brust einige Lagen Stoff inclusive Verstärkung zusammenkommen, sollte man nicht mehr als ein Shirt darunter tragen wollen, sonst wird es zu eng. Zumal ich auch keine Armlochvertiefung vorgenommen habe. Hier erstmal meine anfänglichen Konstruktionen aus Papier:

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So schießt man übrigens ohne fremde Hilfe über die Schulter hinweg Fotos von Rückenansichten: Ausgestattet mit Handspiegel, damit man die Position im Display erkennen und sein Spiegelbild nachjustieren kann… So bleibt der Rahmen im Rahmen im Rahmen. Bitte lächeln!

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Das ist es nun geworden.

Bei dem Verschluss werden praktisch zwei Stoffquadrate mithilfe von vier Druckknöpfen übereinander gelagert. Ich habe sie schon vor dem Zusammennähen angebracht. Die darf man auch mal sehen bei geöffneter Jacke.

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Für die oberen Teile ist Gewebeeinlage zur Verstärkung verwendet. Ich wollte die Besätze kompakt miteinander verbinden, daher sind die Rumpfteile von Oberstoff und Futter am Armausschnitt aufeinander genäht. Es ist ja sonst eher üblich, Oberstoff- und Futtermantel getrennt voneinander fertigzustellen und später ineinander zu stecken. Der Futterärmel ist erst am Ärmelsaum mit dem Oberstoffärmel verbunden und dann von Hand eingenäht. Ich mag das punktweise Fixieren des Futters nicht besonders, obwohl dieses auch nicht weniger Arbeit war. Aber es verschiebt sich halt nichts mehr.

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Die seitlichen Besätze sind in gleicher Farbe wie der Oberstoff gewählt, alles aus einfacher Baumwolle. Wollstoff wäre sicher leichter zu verarbeiten gewesen. Allerdings ist der nicht eben günstig, gerade für ein Experiment, bei dem es kein Probemodell aus Stoff gab. Es ist auch schwer, gleiche Stoffqualitäten in verschiedenen Farben zu bekommen. Meine größte Sorge war beim Nähen harte Knicke zu verursachen, die nicht richtig auszubügeln wären. Der Saum ist vorn an den farbigen Teilen abgeschrägt, um das Kubische hervorzuheben.

Hier habe ich zum ersten Mal einen Ärmel verwendet, der weder Ellenbogenabnäher hat noch ein paralleler Manchettenärmel ist. Bisher hatte ich übersehen, dass es ja auch noch eine konisch zulaufende Form gibt. Sie ist nicht anliegend aber auch nicht allzu weit, schlicht eben.

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Genauso wie vorn ist auch der Rücken nicht symmetrisch gestaltet. Der blaue Streifen ist außer der Mitte und ich bin mir nicht sicher, ob es mir wirklich gefällt. Vor allem war die Frage, verschiebe ich die Abnäher, um sie zwischen den Nähten zu platzieren oder lasse ich sie an ihrer natürlichen Stelle auf die Gefahr hin, dass sie das schlichte Design stören. Das Verschieben verformt, glaube ich, aber es fällt nicht sofort auf.

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Es gab schon unterschiedliche, auch lästernde Bemerkungen. Man sähe diese Farben quadratisch, praktisch, gut vor dem Haus stehen sehen, zur Müllentsorgung. Was erstmal abwertend gemeint ist, macht aber durchaus Sinn, denn vielleicht wäre der gute alte „Ascheimer“ ohne die moderne Designentwicklung auch heute noch grau? -Mir gefällt das nur oben Geschlossene sowie das Zurseiteschwingen. Der Sommermantel erinnert ein bißchen an einen Gehrock oder Frack. Aufgrund der offenen Gestaltung sieht man dann auch viel von den Beinen, die die kopfgesteuerte Dame forschen Schrittes durch die durchgeplante City tragen. Eigentlich wollte ich ja Fotos vor Häuserschluchten haben, aber das Wetter war alle Tage nicht danach, vielleicht später.

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Dieses ist mein März-Beitrag zum MeMadeMittwoch.

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30 Gedanken zu “Mondrian – Mantel

  1. griselda 6. März 2019 / 8:33

    Ich kann mir vorstellen, dass der Mantel polarisiert, aber ich finde ihn großartig konzipiert. Es ist ein absolut außergewöhnliches Kleidungsstück das dir gut steht, da hast du alles richtig gemacht.
    Aber er entspricht halt nicht den Mainstream-Sehgewohnheiten. Aber deshalb nähen wir ja, oder?
    Der Statementmantel ist für die Übergangszeit, insofern ist es auch ok dass du nur ein Shirt drunter tragen kannst.
    Wear it with pride!

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  2. Nria 6. März 2019 / 8:50

    Toll! Mondrians Stil ist nicht meins, aber den Mantel finde ich total klasse, auch die Gedanken, die dahinterstecken 🙂 ungewöhnlich, aber wirklich gut!

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  3. Irene Hammann 6. März 2019 / 9:04

    Wow – sehr ungewöhnlich, sehr auffällig, sehr gelungen – sehr sehr chic! Der Mantel ist ein echter Hingucker!

    Herzliche Grüße Irene

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  4. stoffnotizen 6. März 2019 / 9:28

    Sehr cooles Design, sehr schöne Umsetzung. Und ich stimme Dir zu, leider erhält Innovation und Ungewöhliches nicht immer Verständnis. Aber so ist das mit dem Neuen, das passt nicht in die alten Schubladen! Hier bist du damit aber immer passend! Liebe Grüße!

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  5. Siebensachen 6. März 2019 / 10:09

    Wow! Ein toller Mantel! Eine sehr gelungene Umsetzung der Inspiration. Mit deinen Kenntnissen über Schnittkonstruktion kannst du solche Ideen gut umsetzen, andere – wie ich – müssten erst ewig nach Schnittmustern suchen, die sich entsprechend verändern lassen.
    Ich kann mir schon vorstellen, dass du in diesem Mantel auffällst, je nach dem wo du ihn trägst … Aber ich würde mich durch schräge Bemerkungen an deiner Stelle nicht beirren lassen.
    LG
    Siebensachen

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    • formspielerins werke 6. März 2019 / 13:43

      Bei diesem Teil habe ich mehrfach gedacht, ich gebe die Idee am besten auf, daraus könne nichts werden, weil die Konstruktion wirklich etwas außerhalb der normalen Methoden liegt. Gerade weil es Brustabnäher gibt und es nicht nur ein weites Hängerkleid von Schulter bis Saum reichend ist.
      Ich denke, dass sich auch mit ganz einfachen Schnitten durch Abteilen sehr viel machen lässt, so nach Patchworkmanier.
      Deinen Vorschlag sich zum Thema Bauhaus was einfallen zu lassen finde ich ganz toll. Mal sehen, was kommt. Ich würde natürlich auch jederzeit eine Linksammlung zum Thema „Nähen nach Kunst“ anlegen, falls da Interesse besteht. Instagram sammelt schon unter dem Hashtag. (Hehe, habe ich gemacht!)

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  6. Susanne Dienstag 6. März 2019 / 11:25

    Wow, was für ein ungewöhnlicher, fantastischer Mantel; ich bewundere voll und ganz deine sehrsehr kreative Umsetzung.
    LG von Susanne

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  7. Rebecca klein 6. März 2019 / 14:30

    Wow,der Mantel ist richtig toll!Ich finde er ist so stylisch,dass er durchaus von einem bekannten Designer sein könnte!Graue Mäuse gibt es genug,trag ihn mit Stolz!
    Ganz liebe Grüße
    Becci

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  8. SaSa 6. März 2019 / 15:07

    Mir gefällt der Mantel sehr gut! (Lass‘ Dich nicht verunsichern)

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  9. kuestensocke 6. März 2019 / 17:36

    Ich bin sehr beeindruckt von dem Entstehungs- und Umsetzungsprozess Deines Mantel-Projektes. Du kannst wirklich sehr stolz auf das Ergebnis sein und solltest Dich auf keinen Fall durch Bemerkungen anderer aus der Ruhe bringen lassen (machst du sicher auch nicht) Kann mir vorstellen, dass der Mantel auch in uni toll aussieht wegen der auffälligen Teilungsnähte… bin gespannt was wir in den nächsten Monaten noch von Dir sehen werden. LG Kuestensocke

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    • formspielerins werke 6. März 2019 / 18:05

      Freut mich, dass es gefällt. Ja, ist auch eine Idee. Ich hatte sogar kurz überlegt, Kunstleder (wie sinnig) zu nehmen. Selbst bin ich auch jedesmal gespannt, was und ob überhaupt etwas entstehen wird. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel sozusagen.

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  10. Doreen 6. März 2019 / 18:31

    Einen außergewöhnlichen Mantel hast du dir da genäht, damit fällst du auf jeden Fall auf und stellst ein Unikat dar. Respekt vor der Arbeit, die du da investiert hast.

    Kannst du bitte den Link zum MMM überprüfen, leider funktioniert er nicht.
    Ich danke dir.

    Liebgruß Doreen

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    • formspielerins werke 6. März 2019 / 18:47

      Oh, da war ein Leerzeichen zuviel, schon repariert. Ist das was gutes oder was schlechtes, wenn man ein Unikat darstellt? 😉

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  11. piek & fein 6. März 2019 / 20:39

    Auch von Deinem zweiten „Kunstwerk“ bin ich sehr begeistert! Idee und Umsetzung – große Klasse!
    LG Julia

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  12. Sarah 6. März 2019 / 22:31

    Mich hast du auch wieder absolut geflasht! Solche Beiträge sind großartig!!! gerne mehr davon! Auch wenn ich da nur staunend davor stehen kann… Ich sehr dich damit vor Großstadt Glasfassaden flanieren, einfach toll! LG Sarah

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  13. malou 7. März 2019 / 10:06

    Ich bin immer wieder fasziniert vom Enstehungsprozess deiner Kleidungsstücke. Schön, dass du uns so ausführlich daran teilhaben lässt. Nähen nach Kunst finde ich eine total spannende Idee und die Mondrian-Umsetzung sehr gelungen.
    Herzliche Grüße,
    Malou

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    • formspielerins werke 7. März 2019 / 20:58

      Ich mag den Praxisbezug. Egal ob die Leute drüber reden oder nicht, ich lerne ja auch bei jedem Blogbeitrag, den ich mir anschaue, etwas dazu.

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  14. Siebenschön 7. März 2019 / 18:07

    Dein kubischer Mantel ist wirklich toll. Ich mag auch gerade den asymmetrischen Rücken, dadurch wirkt das Ganze sehr stimmig!

    Liebe Grüße
    Marlene

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  15. erschöpftes Quota 7. März 2019 / 18:49

    Ich mag den Mantel total!
    Bei weniger starker Asymmetrie bin ich auch oft unschlüssig, da sie wie ein Fehler wirken kann. Von daher verstehe ich Deine Überlegungen. Da ich aber nur bei eigenen Projekten überkritisch bin, fällt das bei diesem Mantel für mich nicht ins Gewicht. 😜

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  16. Tily 7. März 2019 / 21:15

    Großer Respekt. Ich mag Deine Näh-Kunst! Mondrian ist einer meiner Lieblingsmaler, der Mantel gefällt mir sehr gut 🙂 Viele Grüße Tily

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  17. Ina 8. März 2019 / 12:24

    Sehr informativer Post zu einem exklusiven Projekt. Mit großem Interesse verfolge ich Dein „Nähen nach Kunst“ und mit dem Mantel ist Dir ein großer Wurf gelungen! Er ist extravagant und trotzdem tragbar mit schlichten Kombipartnern. Ich würde den sofort anziehen, dazu schwarze Pumps und dann ab unter Leute – egal was die denken und sagen.
    Liebe Grüße von Ina

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    • formspielerins werke 8. März 2019 / 12:41

      Ich freue mich auch sehr, über das neue Kleidungsstück und über das große Interesse. Das tröstet mich ein bißchen, denn passend dazu bin ich so richtig erkältet…

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  18. Albion 11. März 2019 / 0:10

    This is thinking outside the box. Overall, nicely done. Congrats!

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    • formspielerins werke 20. April 2019 / 11:35

      Das ist ja eine spannende Sache, habe ich mir gerade angeguckt! Zuerst habe ich gedacht, na bei den geometrischen Formen und den wenigen Farben, das kann ja nicht so schwer sein. Nur dass es ja kein herkömmliches Puzzle ist und man wie gesagt selbst kreativ werden kann. Toll!

      Gefällt 1 Person

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